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Vergangene Woche drehte sich auf unserer startup:NIGHTS alles rund um das Thema Blockchain. Maximilian Topp von sentin war unser Experte des Abends und fasst für unseren Blog noch einmal alle wichtigen Infos zum Thema für euch zusammen.

Der Hype zum Thema Blockchain besteht nicht erst seit gestern und auch nicht erst seit gestern werden verwandte Themen in der Wissenschaft untersucht. Die Grundlagen der Technologie wurden bereits in den 1980er und 1990er Jahren mit den Merkle-Trees, Verschlüsselungen und digitale Signaturen, Distributed-Ledgers (dt. „verteilte Kontobücher“) sowie frühen Formen digitaler Währungen und Smart-Contracts gelegt.

Trotz großer wissenschaftlicher Grundlage gibt es immer mehr Enttäuschungen im Bezug auf das Thema, da sehr große Erwartungen an diese Form der Datenhaltung und Berechnungen entstanden sind. Der aktuelle Gartner-Hype-Cycle zeigt, dass der Glaube bereits wieder abflacht. In dem Gartner-Modell dauert es nach dieser Ernüchterung ca. 5 – 10 Jahre, bis man produktive Lösungen auf Basis der Technologie im Einsatz sehen kann.

Andere Quellen betiteln die Blockchain als “eine Lösung auf der Suche nach einem Problem” (ManagerMagazin – http://www.manager-magazin.de/digitales/it/tech-buzzwords-im-check-was-ist-2018-besser-geworden-a-1244161-8.html). Es wird häufig suggeriert, dass Blockchain eine dezentrale, zensur- und manipulationssichere Technologie sei, die viele Anwendungsgebiete habe.

Kritik ist berechtigt

Oft gibt es jedoch schnellere und kostengünstigere Alternativen, da in vielen Anwendungsfällen eine verteilte Datenbank, besser geeignet ist als eine Blockchain.

Zudem erschweren Intransparenz und fehlendes Fachwissen der breiten Masse eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Vielfach werden Kryptowährungen oder Token als Spekulationsobjekt genutzt oder die Sicht durch die riesige Landschaft an Whitepapern von irgendwelchen Projekten, die behaupten, sie wären unendlich skalierbar oder hätten einen perfekten Business-Case, verwässert. Es fällt schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen, und es fehlt die Zeit, um jedes Projekt im Auge zu behalten.

Außerdem sind viele Anwendungen schlicht noch nicht praxistauglich. Die Hürden, um überhaupt ein Token einer Blockchain zu bekommen – durch Wallets, Schlüsselpaare, der Installation von irgendwelchen Apps oder Browser-Plugins, der Verifizierung mit dem Personalausweis, um dann aufgrund der häufig niedrigen Transaktionszahlen ewig zu warten – sind aktuell zu hoch für eine breite Anwendung.

Sieht man eine Blockchain als reine Methode, um Daten zu speichern, mögen diese Faktoren sehr abschreckend wirken. Oft werden allerdings die Smart-Contracts und DApps (“dezentrale Applikationen”) vernachlässigt oder aufgrund von Fehlinterpretationen entstehen auch hier Enttäuschungen. Nähert man sich dem Thema halbwegs objektiv, bieten diese beiden Technologien auf Blockchain-Basis die Möglichkeit, nahezu beliebige Berechnungen und Programme auszuführen. Es ist ein Werkzeug geschaffen worden, um eine andere Art von dezentralen Berechnungen zu ermöglichen oder, wie die Plattform “Ethereum” es als Vision hat, ein “globaler Computer” zu sein.

Als Analogie mag vielleicht folgende Formulierung recht treffend sein:

„Eine Blockchain wird von vielen Kritikern als Hammer gesehen, mit dem man versucht, eine Schraube zu befestigen. Es funktioniert irgendwie, aber eigentlich gibt es viel schnellere und bessere Methoden. Man kann eine Blockchain dagegen aber auch als Schraubenzieher sehen, der zwar langsamer ist als bspw. ein Akkuschrauber, aber für manche Anwendungen doch seine Daseinsberechtigung hat.“

Die Vorteile

Das mag stark vereinfacht sein, aber Anwendungen wie automatisierte Versicherungen als Smart-Contract können als gutes Beispiel dienen. Schließt man eine Versicherung gegen Flugverspätungen ab, ist dem Endnutzer erstmal egal, was für eine Technologie dahinter liegt, so lange er im Verspätungsfall möglichst komfortabel an seine Erstattung kommt. Eine erste Version einer solchen Versicherung auf Blockchain-Basis lässt sich bspw. bei dem Projekt “fizzy” von AXA finden.

Klassischerweise würde ein Versicherer eine Website entwickeln, die mit einem Backend-Server und einer Datenbank alles speichert/abwickelt. Das Unternehmen müsste sich selbst um die Infrastruktur (z.B. das Hosting auf einer AWS-Instanz, dem Cloud-Service von Amazon) kümmern und eine Auszahlung ggf. von einem Mitarbeiter geprüft werden.

Bei der Anwendung von Smart-Contracts könnte ein Versicherer sich das Betreiben verschiedener Backends und Datenbanken sparen oder den Aufwand verringern. Zudem könnte man durch das Token-/Zahlungssystem der verwendeten Blockchain direkt und automatisiert die Auszahlung veranlassen.

Ein weiterer Punkt, der häufig zur Rechtfertigung von Blockchains genutzt wird, ist, dass man “zensursicher” wäre, falls ein Cloud-Anbieter sich bspw. entschließen würde, diese Versicherung zu torpedieren. In der Praxis mag es Anwendungsfälle geben, bei denen das ein Problem ist. Für die meisten Geschäftsmodelle rückt diese Tatsache jedoch in den Hintergrund. Praktischeres Problem wäre eher, dass man als Versicherung ggf. selbst nicht ausschließen kann, wen man versichert, aufgrund dieser “Zensursicherheit”.

Nicht zu vernachlässigen ist jedoch, dass das Identitätssystem oder das Zahlungssystem einer Blockchain dem Endkunden zwei weitere Vorteile bieten kann: Er muss sich nicht in noch einem Onlineportal registrieren, nur weil er vielleicht einmal im Jahr eine solche Versicherung abschließt, und er kann direkt mit einer (digitalen) Währung bezahlen und bezahlt werden.

Fazit

So sind viele Anwendungsfälle denkbar, die Unternehmen und Kunden Vorteile bringen können. Dass dies jedoch nicht das Allheilmittel für alle neuen oder alten Geschäftsmodelle ist, muss man sich selbst als Enthusiast der Technologie eingestehen. Aktuelle Probleme z.B. für die oben gezeigte Flugversicherung sind bspw. noch die Geschwindigkeit der Technologie und die Volatilität der Kryptowährungen und -Token. Nichtsdestotrotz beschäftigen sich viele Projekte mit der Lösung dieser Probleme.

Häufig muss hier jedoch ein Tradeoff zwischen Geschwindigkeit und Sicherheitseigenschaften/Dezentralisierung einer Blockchain akzeptiert werden. Klassische Konsensalgorithmen (die Algorithmen, die bestimmen, wie Transaktionen in eine Blockchain aufgenommen werden) wie der Proof-of-Work (PoW) von Bitcoin und Ethereum werden von Alternativen wie dem Delegated-Proof-of-Stake (DPoS) von EOS in Frage gestellt. Der Unterschied zwischen dem “Wettrennen vieler sog. Miner gegeneinander” (PoW) und dem “Zusammenarbeiten von wenigen Vertretern” (DPoS) offenbart genau diesen ein Tradeoff. Der PoW ist langsamer aber theoretisch dezentralisierter als der schnellere DPoS. Dafür lassen sich mit dem DPoS vielleicht Praxis nähere Anwendungen implementieren und andere Probleme lösen.

Genau diese Entwicklungen sind es, die die Kryptowelt so spannend machen.

Für welche Anwendungsfälle sich der PoW, der DPoS, komplett neue Algorithmen (oder Ansätze wie Directed-Acyclic-Graphs – DAGs bei IOTA oder doch die verteilte Datenbank ohne Blockchain durchsetzen werden, ist abzuwarten. Die fünf bis zehn Jahre, die der Gartner-Hype-Cycle vorhersagt, werden offenbaren, wie praxistauglich Blockchains in allen möglichen Variationen sind – seien es eine große Blockchain, viele kleinere Side-Chains oder Technologien wie Sharding (Parallelisierung von Berechnungen) – und inwieweit das Ökosystem mit integrierten Bezahlmethoden und interagierenden Smart-Contracts tatsächlich ein Vorteil ist. Aktuell ist es jedoch interessant, eine Alternative zu klassischen Berechnungen und Cloud-Computing zu haben. Gerade wenn man bedenkt, dass man heute Smartphones mit der gleichen Leistung, die Computer vor einigen Jahren hatten, in der Hosentasche jederzeit dabei hat, kann man gespannt sein, welche Sprünge die Blockchain-Technologie noch machen wird.

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